Gedenken an Mario Crotti

In memorian zum 1. Todestag am 14. Januar 2011 für
Mario Crotti – unserer italienischer Freund

Eva Watschkow lebt in Treptow. Sie war noch ein kleines Mädchen, das Eva Schmidt hieß, als zu Kriegsende 1944/45 der Briefträger ihrer Mutter das amtliche Schreiben überbrachte, das ihr weiteres Leben überschatten sollte. In herzlosen Worten wurde mitgeteilt, dass ihr Vater, der Feldwebel Hans Schmidt, als „Verräter an Volk, Reich und Führer“ erschossen worden war. Der Ehefrau wie dem Kind wurde öffentliche Trauer streng verboten. Jahrzehnte hindurch belastete beide die Ungewissheit, was wirklich geschehen war. Evas Mutter starb darüber. Sofort aber nach dem Fall von Mauer und innerdeutscher Grenze 1989 machte sich die Tochter, nun inzwischen Frau Watschkow, auf die Suche nach den Spuren ihres Vaters, unterstützt dabei vom Kunstmaler und Graphiker Werner Laube, ihren Schwager und einer der demokratischen Bezirksverordneten Treptows nach 1990. Die Informationswege waren lang und verschlungen; die Bemühungen kräftezehrend, aber ungebrochen. Schließlich fanden beide den richtigen Pfad. Er führte in eine kleine Stadt in Norditalien. Dort hatten sich zwei Italiener der Tatsachen angenommen. Der eine war der damalige Pfarrer von Albinea, Erzpriester Don Alberto Ugoletti. Sein Tagebuch hatte er minutiös geführt. Es enthielt die Geschehnisse im Ort am 26. und 27. August 1944. Und das waren diese:

1944 war in Albinea, in der Villa Rossi, eine wichtige Kommandostelle des deutschen Oberbefehlshabers für Italien, Generalfeldmarschall Kesselring, stationiert. Befehligt wurde die Funkstation von Feldwebel Hans Schmidt. Er und vier seiner Kameraden hatten jedoch vom Krieg „die Nase gestrichen voll“ und Kontakte zur Gegenseite aufgenommen. Deutsche Offiziere der Dienststelle sollten im Handstreich ohne Blutvergießen entführt werden, um dadurch gefangene und vom Tod bedrohte Italiener freizubekommen. Vielleicht waren Hans Schmidt und seine Kameraden nicht vorsichtig genug gewesen, denn die Abwehr der Wehrmacht erfuhr von der geplanten Aktion und der Mithilfe der fünf Deutschen. Hans Schmidt, 29 Jahre alt, und seine vier Kameraden wurden erschossen. Namenlos sollten sie verscharrt werden. Don Alberto Ugoletti bewahrte den Ort ihrer Gräber und ihre Namen: Erwin Bucher, Martin Koch, Erwin Schlünder, den Treptower Hans Schmidt und Karl-Heinz Schreyer.

Der andere Italiener, der Hans Schmidt und seine Kameraden dem Vergessen entriß, war Don Ugolettis Landsmann, Comandante Mario Crotti. Der hatte als Heranwachsender in seiner Geburtsstadt Albinea die Kriegsereignisse hautnah miterlebt. Dadurch war er, der             gläubige katholische Christ, tief geprägt worden und hatte ein starkes Bewusstsein für Recht und Unrecht, eine deutliche Sichtweise auf unbedingte Bewahrung der Schöpfung entwickelt. Mario Crotti, von Beruf Metallmechaniker und Radiologietechniker geworden, zugleich aus Leidenschaft Historiker und Fotograf, entdeckte auch schnell seine große Liebe zum optischen Festhalten von Zeitereignissen. Bald war er ohne Kameras nicht mehr denkbar gewesen. Eva Watschkow und Werner Laube nahmen Kontakt zu Mario Crotti auf und erfuhren             durch ihn die Wahrheit über das Geschehen von 1944 und den Tod von Hans Schmidt.  Bei seinen heimatgeschichtlichen Recherchen war Mario Crotti auch auf das Tagebuch von Don Ugoletti gestoßen, das ihn dann nicht mehr losgelassen hatte. Gekonnt gestaltete er auf dieser Grundlage in den 80-er Jahren des vergangenen Jahrhunderts eine seiner eindruckvollen Foto- und Text-Dokumentationen über die Erschießung der fünf deutschen Soldaten 1944 in der Villa Rossi – verbunden mit der Darstellung des Angriffs von englischen Fallschirmjägern und Partisanen im März 1945 auf die gleiche deutsche Kommandostelle in Albinea. Sofort hatte er wieder große Beachtung gefunden, auch dadurch, dass er deutsche Soldaten auf der Seite der Alliierten zeigte.

Diese eindrucksvoll dokumentierten Darstellungen führten in der Öffentlichkeit Albineas zu einem neuen Bewusstsein gegenüber den Ereignissen von 1944/45. Die neue Sichtweise legte den Grundstein dafür, dass die deutschen und britischen Soldaten, die für die Freiheit Italiens gefallen waren, 1996 posthum zu Ehrenbürgern Albineas ernannt wurden und dass es schon lange vorher zu einem landesweit beachteten Gedenkort namens Villa Rossi und einem jährlichen Gedenktag im März gekommen war. Gedenktag, Ehrenbürger und eine von Werner Laube angeregte Präsentation besagter Foto-Dokumentation Mario Crottis 1996 im Rathaus Treptow waren 1997 für den damaligen BVV-Vorsteher von Treptow, Wolfgang Sparing (CDU), Anlass, über die CDU-Fraktion einen BVV-Antrag an das Bezirksamt Treptow zur Aufnahme von städtepartnerschaftlichen Beziehungen auf den Weg zu bringen. Die BVV Treptow stimmt dem einstimmig zu, Bezirksbürgermeister Michael Brückner (SPD) handelte schnell.

Am 7. September 1997 wurde in Albinea, im Hof der Villa Rossi – dem Zentrum der kriegerischen Ereignisse von 1944/45 – von den Bürgermeistern Vilmo Delrio und Michael Brückner im Beisein von Wolfgang Sparing, Eva Watschkow und Werner Laube, inmitten der Bevölkerung von „halb Albinea“, die kommunale Partnerschaft feierlich unterzeichnet, fotografisch natürlich – wie konnte es anders sein – dokumentiert von Mario Crotti, der als „Urvater“ dieser Städtepartnerschaft bezeichnet werden kann.

Mario Crotti war einer der liebenswertesten Charaktere, die man sich denken kann, eine Persönlichkeit der besonderen Art, die auf dem Boden von Heimat und Menschlichkeit ruhte; ausgestattet mit einem Charakterkopf, der aufmerksam machte; ein Bündel voller Energie, Geist und Fröhlichkeit, die mitrissen;             ein Mensch mit Herzenswärme, die wohl tat.

Seine Dokumentationspalette war weit gefächert; die Anzahl seiner Reportagen beeindruckend groß; sein Foto-Archiv berstend voll! Er lebte und arbeitete nach seinem             Motto: „Hingehen, ansehen, fotografieren!“ 1956 war er in Ungarn unterwegs; 1963 fotografierte er eindrucksvoll die Berliner Mauer mit ihren Grenzsicherungsanlagen; 1968 dokumentierte er in bewegenden Bildern die politischen Ereignisse in Prag; 1994 hielt er zum 50. Jahrestag der Landung der Alliierten in der Normandie die dortigen Feierlichkeiten bildlich fest. Auch Naturereignisse in seinem Land, wie Überschwemmungen in Florenz oder das schwere Erdbeben in Irpinia, dokumentierte er fotographisch für die Nachwelt. Seine einzigartigen Fotos – in vorher nie gesehener Form oft quadratmetergroß aufgezogen – stellte er bis nach Australien aus. Im Juni 2000 wurde seine 1963 entstandene eindrucksvolle Foto-Dokumentation „Berlin – die Stadt, die eingemauert wurde“ im Rathaus Treptow gezeigt, im August 2001 im Rathaus Köpenick, immer verbunden mit – nicht nur den anwesenden Mario Crotti – sehr bewegenden Eröffnungsveranstaltungen.

Er konnte kein Deutsch, aber wer ihm begegnete, verstand sich mit ihm menschlich sofort. Nach Treptow-Köpenick kam er gern und hinterließ hier immer viele Freunde.
Mario Crotti, geboren am 26. März             1930, ausgezeichnet u. a. am 27. Dezember 1999 mit dem Verdienstorden der Italienischen Republik, musste nach schwerer Krankheit diese Welt am 14. Januar 2010 für immer verlassen, wenige Tage vor seinem 80. Geburtstag. Albinea widmete ihm ein Buch mit dem Titel „Mario Crotti – Ein Leben für die Fotografie“.

Die Trauer um ihn ist groß. Auch Treptow-Köpenick hat einen guten Freund verloren. Ciao Mario. Wir vergessen Dich nicht!

Beitrag Ulrich Stahr

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

10 − neun =